England war für den im deutschen Halle an der Saale geborenen Händel ein wichtiger musikalisch-kreativer Lebensmittelpunkt geworden – auch mit Blick für die dortigen Herrscher, Könige und die allseits geneigten Zuhörer. Die Steinfurter Variante des „Concertos Nr. 6, Nr. 4“ gelang hell und durchsichtig, aber eben auch ein bisschen westfälisch – gut so.
In diesem bemerkenswerten Steinfurter Klangkörper saßen und sitzen viele engagierte Laienmusiker. Mittlerweile hat sich ein behutsamer Generationswechsel vollzogen, so dass auch jüngere Kräfte neben erfahrenen mit sichtbarer Freude musizieren – und internationaler ist das „Collegium“ zudem geworden. Das ist ein anerkennendes „Bravo“ allemal wert. Bei den beiden Konzerten am Samstag und Sonntag war der schöne Saal ganz gut gefüllt, hatte aber auch einige luftigere Ecken, was der Spielfreude auf dem Podium keinen Abbruch tat.
Querflöte und Streicher
Launig und kenntnisreich führte Erich Overhageböck durch das Programm (er kannte seinen Loriot) und hatte neben dem Mikrofon seine Querflöte stets einsatzbereit. Die durfte bei der „Lady Radnor‘s Suite in F-Dur“ von Charles Hubert Hastings Parry (1848 – 1918) noch pausieren. Für die Freundin seiner Frau Maud hatte Parry hier im formalen Stil der Suite verschiedene Tänze komponiert, die das „Collegium musicum“ in einem im Vergleich zu Händels Musik sehr anderen Streicherklang präsentierte – immerhin liegen über 160 Jahre zwischen deren Geburtsdaten.
Eben auch das beherrscht das Steinfurter Ensemble nicht zuletzt durch die kluge Programmauswahl und Führung durch Bettina Bartels beeindruckend. Immer wieder gelingt es, unterschiedliche Klangfarben vorzustellen und sich trotzdem als einheitlicher Klangkörper zu zeigen.
Üben für den großen Auftritt
Konnten Yulia Rivina und Kirsten Mokdad (Violinen) und Christiane Kamolz (Cello) im Händel-Concerto auch solistisch überzeugen, kam diese Aufgabe nach der Pause Volker Leiß mit seiner Sopran-Blockflöte zu. Sagen wir wie es ist: Guiseppe Sammartinis „Concerto für Blockflöte und Streicher“ ist „sauschwer“- vor allem für den Bläser. Aber es war schon beeindruckend, was der große Mann in Schwarz (den viele eher im weißen Arztkittel kennen) mit dem zierlichen Instrument anzufangen wusste. „Ich habe auch ganz feste üben müssen“, gestand Leiß, der auswendig spielte, nachher frank und frei.

In Sammartinis Concerto gibt es aber nicht nur den abwechselnden Dialog zwischen Soloinstrument und Streichern, sondern die Musiker gehen, sagen wir besser, laufen geschwind viele Passagen gemeinsam durch den Notendschungel – sehr interessant.
So blieb es auch in der „Kammersymphonie des Münsterlandes“ aus der Feder von Volker Leiß. Der Pandemie, dem Komponisten, Bettina Bartels und Sergey Myasoedov (der Metelener Organist unterstützt das Collegium musicum an Cembalo und Kontrabass) ist es zu „verdanken“, dass es eine kammermusikalische Variante der 2019 mit dem Symphonieorchester Münster unter der Leitung von seines Kapellmeisters Thorsten Schmid-Kapfenburg im Grevener Ballenlager uraufgeführten Werkes gab.
Musikalische Verneigung vor dem Münsterland
In der Bagno-Konzertgalerie nun mit einem um einen vielstimmigen und wuchtigen Bläsersatz (Flöten, Oboen, Fagott, Klarinette, Trompete und Hörnern) erweiterten und erneut wieder gut aufgelegtem „Collegium musicum Steinfurt“ eine neuerliche Uraufführung – nämlich eine von der erwähnten Dreiergruppe arrangierte Kammermusik-Fassung. Dieses Werk ist eine musikalische Verneigung von Volker Leiß vor dem Münsterland und seiner Geschichte. Da klappern die Webstühle, ziehen dunkle Wolken auf, aber man hört auch die Fahrradklingeln von Münster (an der Triangel im Bagno der Komponist in aufmerksamer Funktion).
Und alles endet beeindruckend im „Westfälischen Frieden“. Auch wenn es am Wochenende im Steinfurter Wald keine königliche Zeremonie wie in London oder ein 72-köpfiges Damenorchester unter der Leitung einer Dirigentin wie bei der „Radnor‘s Suite“ gab, das „Collegium musicum Steinfurt“ sorgte unter der Leitung von Bettina Bartels (und mitunter wacker verstärkt) für feine münsterländische Musik-Pracht
Text und Fotos: Martin Fahlbusch